Der Begriff Künstliche Intelligenz wurde erstmals 1955 dem amerikanischen Informatiker John McCarthy zugeordnet. 2023 war „ChatGPT” eines der meistgesuchten Wörter auf Google. Aber ist KI wirklich die Lösung für alles? Welche Risiken stecken dahinter? Experte Stefan Andorfer gibt einen exklusiven Einblick.
Egal ob Datenanalyse, komplexe Entscheidungsprozesse oder nur die vorgefertigte Geburtstagskarte. Künstliche Intelligenz (KI) ist im Alltag angekommen. Doch was für Chancen bietet die neue Technologie und wohin geht die Entwicklung? Stefan Andorfer, Mitglied der Geschäftsleitung der Münchner Marketing Akademie spricht exklusiv über die Technik der Zukunft.
Wann haben Sie sich zum ersten Mal mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt und war Ihnen von Anfang an klar, wie wichtig das Thema werden würde?
Stefan Andorfer: Ich erinnere mich an ein Meeting im November 2022 mit meinem Geschäftspartner. Damals haben wir noch darüber gewitzelt, dass eine KI bald die ganze Arbeit für uns erledigen wird. Wie prophetisch sich unsere Worte letztlich erweisen sollten, war uns noch nicht bewusst. In den Wochen und Monaten danach wurde uns dann jedoch zunehmend die immense Tragweite dieser Entwicklung klar und wir haben damit begonnen, tief in die Materie einzutauchen.
„KI kann uns helfen, Prozesse zu optimieren“
Was bedeutet KI sowohl privat als auch für Unternehmen?
Andorfer: Besonders interessant ist der Punkt „Effizienz-Steigerung“. KI kann uns dabei helfen, in einem erheblichen Ausmaß Zeit zu sparen und Prozesse zu optimieren, da sie viele Aufgaben in Sekunden erledigen kann, für die ein Mensch viel Zeit benötigt. Das wiederum bedeutet, dass wir bessere Ergebnisse in viel schnellerer Zeit erzielen und diese in wichtigere Aufgaben investieren können.
Was ist aus Ihrer Sicht der größte Mehrwert?
Andorfer: Im Kundenservice ist KI interessant: Stichwort Chatbots. Die KI übernimmt dabei zum Beispiel repetitive Prozesse, sie kann große Datenmengen analysieren, Muster darin erkennen und zunehmend als Kundenberater fungieren.
Was kann die KI (noch) nicht? Welche Risiken gibt es?
Andorfer: Sogenannte „Deep Fakes“ werden ein riesiges Problem darstellen. Man kann menschliche Stimmen und sogar Gesichter praktisch „kopieren“. Hier müssen schnellstens rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Was KI außerdem nicht kann, ist komplexes, menschliches, empathisches Empfinden und die Fähigkeit zur Selbstreflexion.
Eine Kritik von Informatikern: Sie bekommen zahlreiche Anfragen von Firmen, die KI „möglichst schnell irgendwie” umsetzen wollen. Wie nehmen Sie das wahr?
Andorfer: Es herrscht ein Aktionismus, wie wir ihn lange nicht mehr gesehen haben. Die Kehrseite davon und damit auch der Punkt, in dem wir den Informatik-Kollegen beipflichten. Tatsächlich herrscht in manchen Unternehmen eine vollkommen verkehrte Erwartungshaltung in Bezug auf KI. Insbesondere Anwendungen der sogenannten „Generativen KI“ werden als „magic button“ wahrgenommen, auf den man nur drücken muss und schon kommen hinten fertige Ergebnisse raus. Aber genau diese Komplexitäts-Reduktion und der damit verbundene „blinde Aktionismus“ ist der vollkommen falsche Weg.
Was wäre der richtige Weg, um KI sinnvoll zu nutzen?
Andorfer: Ich weiß nicht, ob es den einen richtigen Weg gibt. Das hängt am Ende sehr stark vom jeweiligen Unternehmen und den spezifischen Herausforderungen ab. Grundsätzlich bin ich fest davon überzeugt, dass wir einen positiven Zugang zu dieser Innovation entwickeln sollten. KI wird als eine sogenannte „Sprung-Innovation“ gesehen und hat dadurch das Potenzial, die Welt in einem ähnlichen Umfang zu verändern, wie das Internet oder die industrielle Revolution. Wir sollten also mit einer großen Portion Neugier und Technologie-Offenheit – aber auch mit Hirn und Verstand an diese neuen Möglichkeiten herangehen.
„Das kann keine Maschine ersetzen“
Müssen Mitarbeiter Angst haben, von der KI langfristig ersetzt zu werden?
Andorfer: Ein Fachartikel mit 1000 Wörtern kann inzwischen in 20 Sekunden generiert werden. Man kann ganze Songs mit KI produzieren. Bilder und sogar Kunst können per Knopfdruck erzeugt werden. Um es kurz zu machen: es besteht durchaus die Gefahr, dass es in Zukunft an manchen Berufen weniger Bedarf geben wird. Dafür entstehen allerdings neue Berufe. Außerdem geht nichts über das geübte Auge einer Fotografin, das Naturtalent einer Autorin oder das ästhetische Empfinden eines Grafikers. Das kann eine Maschine nicht ersetzen. (red)